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Leseprobe

Dichterlesung

Getreu der Maxime von Célestin Freinet, die Ideen dorther zu nehmen, wo man sie herkriegen kann, habe ich mal wieder eine Idee geklaut – diesmal aus Walter Hövels Schule (1)
Als ich im Frühjahr anlässlich einer Hospitationsveranstaltung (2) in Walters Schule hospitieren konnte, habe ich auch eine Dichterlesung miterlebt. Die Idee schien mir gut, und ausbaubar.
In diesem Schuljahr bot sich mir jetzt die Gelegenheit in einer gemischten 3. und 4. Klasse der Kinderschule Oberhavel eine solche Dichterlesung auszuprobieren. Ich besorgte mir also zunächst ein Heft mit schönem Einband, das ich mit dem Wort Dichterlesung verzierte. In der Klasse hatte ich dann auf Anhieb 5 Dichter, die binnen einer Woche einen Text schreiben und dann auch vorlesen wollten. Ich notierte alles gewissenhaft im Dichterheft, das die folgenden Spalten beinhaltete:
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Und Andrea, die Klassenlehrerin (3) sorgte dann dafür, dass die Dichter-Aufgabe auch im Wochenplan stand, damit sie im Laufe der Woche nicht in Vergessenheit geraten sollte. Ich selbst bin immer nur Donnerstag und Freitag in der Schule, deshalb hatten Andrea und ich die Dichterlesung auf den Freitag terminiert. Als ich am Donnerstag wieder in der Schule war, fragte ich im Morgenkreis nach dem Stand der Dinge. Zwei Texte waren schon fertig, für die anderen gab es noch eine Schreibgelegenheit im 1. Block. 0Ich selbst hatte dann erst Mal ziemlich mit Textkorrektur und Probelesen zu tun.
Am nächsten Tag war Ernstsituation. Wegen Regenwetter mussten wir die Lesung kurzfristig im Klassenraum stattfinden lassen und nicht, wie geplant, im nahen Schulgarten. Mittels eines großen roten Samttuches gelang es uns aber, dem Raum und dem Lesestuhl die nötige Feierlichkeit zu verschaffen, so dass alle sehr gespannt waren.
Die Lesung war ein großer Erfolg, so dass ich sofort im Anschluss daran einen großen Andrang an Dichtern für die nächste Woche hatte.
Für die 3. Woche kam eine weitere Idee dazu. Ich hatte mitbekommen, dass eine Reihe von Kindern angefangen hatten, Blockflöte zu spielen. Warum nicht die Lesung durch einige Flötenstücke anreichern? In der nächsten Woche hatte ich nun neben Probelesern auch einige Probespieler und vor allen Dingen gab es eine wunderbare Lesung mit Einleitung und Abschluss durch zwei kurze Flötenstücke.

Dichterlesung in Kürze

  • Gelesen werden selbstgeschriebene Texte in festem Wochen- bzw. Zweiwochenrythmus.
  • Anzahl der Autoren pro Lesung: 5 – 7 (Nicht überziehen, Spannung muss erhalten bleiben)
  • Zunächst auf freiwilliger Basis lesen lassen, Ziel sollte aber sein, dass langfristig jeder Schüler etwas vorliest (Liste führen).
  • Vorher probelesen (ggf. mehrmals). Die Lesung soll für den Autor mit einem Erfolg enden.
  • Einen feierlichen Rahmen schaffen (besonderer Raum, besonderer Lesestuhl, Kerze,…)
  • Musikalische Begleitung der Lesung z. B. durch flötespielende Kinder.
  • Zu den Texten können auch Bilder gemalt werden, die dann gezeigt werden.
  • Autoren (Spieler, Maler) immer beklatschen.
  • In der Regel keine Besprechungen der Texte. Der feierlichen Rahmen einer Dichterlesung sollte erhalten bleiben.
  • Dem Lehrer notwendig erscheinende didaktische oder pädagogische Gespräche werden (wenn überhaupt) zu einem anderen Zeitpunkt geführt. Der besondere Charakter der Lesung soll erhalten bleiben.
  • Korrektur der Texte eher sparsam: notwendige grammatische Verbesserungen, Probleme der Verständlichkeit, evt. sprachlicher Ausdruck
  • Rechtschreibkorrekturen nur auf Wunsch der Schüler, bzw. sobald der Text auch schriftlich veröffentlicht werden soll
  • Alle gelesenen Texte in einem Ordner zur späteren Verwendung sammeln (z.B. für Textsammlungen, Rechtschreibanalysen und -übungen).

Am 4. Dichterlesungstag waren wir dann 30 Kinder, die voller Ernst dem Flötenspiel und den Texten lauschten. (Inzwischen hatten bis auf 3 Kinder aus meiner Gruppe bereits alle einen Text gelesen.
Im Klassenrat dieser Woche fragte ich dann, ob wir nicht die Lerngruppe 1 (Klassen 1 und 2) auch zur Dichterlesung einladen wollten. So gab es neben der Vorbereitung der Texte und Flötenstücke jetzt auch zwei Kinder, die ein Einladungsplakat erstellen wollten.
Dieser Höhepunkt konnte dann am nächsten Freitag (inzwischen die 5. Lesung) noch dadurch überboten werden, dass es selbstgebackenes Brot gab, das die Lerngruppe 2 im Projekt “Getreide” gebacken hatte. So bot es sich fast an, auch unter den Gästen aus der Lerngruppe 1 nach Autoren zu suchen. Drei meldeten sich spontan.
Die nächste Herausforderung war dann der Präsentationstag vor den Eltern, den wir in regelmäßigen Abständen an der Schule durchführen. Dass meine Gruppe an diesem Tag (u. a.) eine Dichterlesung anbieten würde, war eigentlich klar. Der Vorschlag kam dann noch nicht mal von mir, sondern von J., der übrigens selbst noch gar nicht vorgelesen hatte.

Der Absturz

Lukas will mit seinen Eltern verreisen. Sie fliegen mit dem Flugzeug. Sein Papa sagt: “Das geht viel schneller.” Um 13.15 Uhr sollten sie am Gate 13 abfliegen. In 5 Minuten fliegt der Flieger nach Südafrika. Jetzt darf Lukas mit seinen Eltern einsteigen.
Der Flug ist langweilig und dauert 4 Stunden. Um 17.15 Uhr sollten sie da sein. Aber in einer Wüste musste das Flugzeug notlanden. Lukas Eltern wundern sich. Da sieht Lukas Vater zwei riesige Felsen. Plötzlich sagt eine Stimme aus dem Lautsprecher: “Wir mussten wegen eines technischen Defektes notlanden. Das Ersatzflugzeug ist in 5 Minuten da.” Als das Ersatzflugzeug da ist, steigen alle Passagiere ein. Und nach 1 Stunde, genau um 17.15 Uhr, sind sie am Gate 5 angedockt.
Nach 5 Wochen fliegen sie wieder nach Deutschland. Morgen um 14.41 Uhr fliegt der Flieger nach Deutschland am Gate 4 ab. Sie waren auf Bergen, auf Felsen und waren in einem Teil der Wüste Sahara. Heute fliegen sie. Lukas ist ganz aufgeregt. Während dem Flug gibt es leckere Wiener Würstchen und Bratwürstchen. Als Lukas und seine Eltern wieder zu Hause sind, hat Lukas Geburtstag. Über diese Geschenke freut sich Lukas sehr. Er hat einen Flughafen mit 16 Gates und 20 Flugzeugen bekommen.

P. (3. Klasse) schrieb bisher nur Sachtexte (über Eisenbahnen, Flugzeuge) und überzeugte dabei durch umfangreiche Detailkenntnis. Zur Lesung vor den Eltern versuchte er sich erstmals in einer vorsichtigen Öffnung dieser Textart. Da P. am Computer geschrieben hat, wurde der Text zusammen mit ihm schon vor der Lesung korrigiert.

Die reguläre Lesung am Freitag wollte ich allerdings nicht so gerne ausfallen lassen. So hatte die Lesung diesmal den Charakter einer Generalprobe und es bot sich das erste Mal an, direkt im Anschluss an die Lesung kritisch darüber zu sprechen. Die Hauptkritik kam von den Produzenten selber: “Ich muss noch mal üben!” “Ich muss mich beim Spielen noch stärker konzentrieren!”. Auch M. aus der Lerngruppe 1 war dabei. Er hatte einen Text über Wikinger geschrieben und wollte unbedingt auch vor den Eltern lesen, obwohl er zur Generalprobe noch ziemlich holprig las. Ich wollte ihm einen Erfolg ermöglichen und überlegte zunächst, ob ich vielleicht selbst Zeilen lesen könnte, um ihn zu entlasten. Letztlich hat er aber dann so oft geprobt, dass dieses Angebot nicht mehr passte. Bei der Lesung selbst stellte ich mich dann dicht neben M., so dass ich ihm – was einmal auch nötig war – einflüstern konnte. So war die Lesung nicht nur für M. ein großer Erfolg und die Eltern waren sehr zufrieden, hatten sie doch gesehen, dass in ihrer/unserer Schule ernsthaft gearbeitet wurde und durchaus vorzeigbare Ergebnisse entstehen.
Jetzt, Anfangs der Herbstferien und nach der 7. Lesung, ist die Sache noch immer im Schwung. Die nächsten Ideen (Anreicherung der Lesung durch auswendig vorgetragene Gedichte, auch andere Produktionen (kurze Theaterstücke) einbeziehen, abendliche Lesung, auch Eltern könnten eigene Texte lesen, gemeinsam ein Buch herstellen, aus dem dann etwas gelesen wird,…) sind schon in meinem Kopf, sie müssen nur noch umgesetzt werden.

Hartmut Glänzel, Glaenzel@t-online.de

(1) Grundschule Harmonie, 53783 Eitorf, grundschule.harmonie@web.de

(2) Es handelt sich um eine Hospitation anlässlich des Netzwerktreffens zwischen den Schulen
Harmonie/Eitorf – Pattonville/Ludwigsburg – Französischer Schule/Tübingen – Prinzhöfte/Bassum (siehe FuV Nr. 107, S. 4 ff), zu der meine Schule (siehe Fußnote 3) als fünfte Schule dazugestoßen ist.

(3) Die Kinderschule Oberhavel ist eine im Schuljahr 2002/03 gestartete Schule in privater Trägerschaft in Oranienburg Eden (nördlich von Berlin), deren pädagogisches Konzept im wesentlichen auf der Freinet-Pädagogik basiert. Zur Zeit arbeiten dort zwei altersgemischte Gruppen (Klasse1 und 2 sowie 3 und 4) mit jeweils 15 Kindern. Sie werden jeweils von einer Klassenlehrerin betreut. Daneben gibt es noch zwei Lehrkräfte, die an zwei Tagen für einige Stunden da sind. Ich arbeitete dort seit dem Schuljahr 2003/04 an jeweils zwei Wochentagen mit. Nähere Informationen zur Kinderschule Oberhavel siehe Fragen und Versuche Nr. 99 (S. 51 ff.) und Nr. 101 (S. 55 f.) oder über mich.