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Rezension Johannes Beck

Johannes Beck,
Prof. f. Allgemeine Pädagogik, Institut für Kulturforschung & Bildung, Universität Bremen, im Nov. 2005

Den Kindern das Wort geben – von Anfang an.
Die Freinet-Kindertagesstätte PrinzHöfte

Ein Film von Ralf Schauwacker in Zusammenarbeit mit der Video-AG der PrinzHöfte Schule Bassum *

Zur Verbesserung frühkindlicher Erziehung und Bildung wird im Pisafieber viel geredet und wenig getan. Am wenigsten scheint es dabei um die erfreuliche Gegenwart der Kinder zu gehen, um ihr anregungsreiches Aufwachsen, um ihre glückliche Kindheit. Die Misere ist offensichtlich. Sie verstellt auch den Blick auf die guten Beispiele, die es trotz verfehlter Bildungs- und Sozialpolitik gibt. Sie sind der pädagogischen Phantasie und dem Engagement mutiger Erzieherinnen und Erzieher zu verdanken, denen das Wohl “ihrer” Kinder am Herzen liegt. Doch viel zu selten werden solche Beispiele öffentlich wahrnehmbar gemacht, um in der übrigen Kindergartenarbeit als Anregung dienen zu können.

Endlich gibt es nun einen Film aus dem guten Leben in einem Kindergarten, der die Umsetzung reformpädagogischer Einsichten aus dem Schulbereich in einer schönen Praxis mit den Kindern zeigt.
Schon das Motto des Films sagt, in welcher Tradition das Projekt steht: “Den Schülern das Wort geben” hieß der großartige Film über die französische Freinet-Pädagogik, mit dem die Bremer Filmemacher Barbarah Lindemann und Wolfgang Jung vor 30 Jahren (1976) zahlreiche Lehrer und Lehrerstudenten zu Fragen und Versuchen in dieser kooperativen Pädagogik ermutigten. **

Für unsere Kinder geht es um Bildung – nicht um Aufbewahrung oder “Beschulung”.
Wie diese gelingen kann, zeigt der Film über den Kindergarten PrinzHöfte in drei Stationen:
1. in der eigenen Organisation des Arbeitens oder Spielens und der Gruppe,
2. im freien Ausdruck und Gestalten der Kinder in ihren Projekten,
3. im entdeckenden Lernen der Kinder und Erzieher.
Diese Stationen werden von der Erzieherin Monika Müller-Zeugner erläutert.
Vor allem aber kommen die Kinder selbst zu Wort und zur Tat. In lebendigen Szenen wird gezeigt, was sie alles zustande bringen, wenn ihnen Räume und Zeiten, Anregungen, Materialien und Werkzeuge zur Verfügung stehen, wenn ihre Fähigkeiten gefördert und nicht nur Defizite diagnostiziert werden, wenn sie anderen zeigen und miteinander besprechen, was sie können, was sie entdeckt und gestaltet haben.
Bei all dem Tun wird auch deutlich, wie eine selbstgeschaffene angenehme Atmosphäre und Ordnung, aber auch die anregungsreiche Umgebung durch die Bewohner des Kindergartens gebildet werden können und darin bildend auf sie zurückwirken.
“Natürlich” bietet die ländliche Umgebung des Kindergartens PrinzHöfte besonders viele Möglichkeiten zu eigenen Entdeckungen und Werken. Der Film zeigt, dass sie gut genutzt werden. Darauf käme es auch bei Kindergärten in städtischer Umgebung an, wenn urbane Bildung dort gelingen soll. ***
Ich begreife den Film als ein ermutigendes Lehrstück für jede Bildungsarbeit mit Kindern.

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* Die Herstellung des Films wurde durch die Freinet Kooperative e.V. gefördert. Er ist als DVD oder Video bei der Freinet-Kooperative e.V. (Sielwall 45, D-28203 Bremen, 0421-344929,
mail@freinet-kooperative.de) für 5 € plus Versand auszuleihen

oder vom Autor Ralf Schauwacker (Gr. Henstedt 4, D-27211 Bassum, 04241-979523, mail@schauwacker.de) für 35 € plus Versand käuflich zu erwerben.

** Wie ansteckend solche Filme über gelingende Pädagogik sein können, zeigen neuerdings die zustimmenden Reaktionen auf die Filme des Hamburger Bildungsjournalisten Reinhard Kahl. Seine drei Schul-Filme Treibhäuser der Zukunft / Spitze – Schulen am Wendekreis der Pädagogik (Skandinavien) / Eine Schule, die gelingt – Enja Riegel und die Helene-Lange-Schule (Wiesbaden), werden weiterhin einem breiten Publikum gezeigt und regen Eltern, Lehrer, Erzieher und Politiker zur “guten Besserung” in eigenen Veränderungsversuchen an. (Als DVD erhältlich. Informationen in: www.archiv-der-zukunft.de)

*** Wie urbane Bildungsarbeit mit Kindern im städtischen Raum praktiziert werden kann, zeigt das bekannte Beispiel von Reggio Emilia. Dazu ausführlich: Michael Göhlich, Reggiopädagogik – innovative Pädagogik heute. Zur Theorie und Praxis der kommunalen Kindertagesstätten von Reggio Emilia, Frankfurt/M., 1988 (R.G. Fischer)