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Freinet-Pädagogik und LehrerInnenausbildung an der Hochschule

Gitta Kovermann

Wer die Schule verändern will, muss die angehenden
Lehrerinnen und Lehrer gewinnen1

Seit Beginn der 90er Jahre engagiere ich mich in der LehrerInnenbildung. Zunächst waren wir wenige, die vereinzelt Lehraufträge an Hochschulen angeboten bekamen. Wir experimentieren mit veränderten Seminarstrukturen und Inhalten, die den Lehramtsstudierenden sinnvolle Aufgaben anbieten. Es werden Kontakte in den Hochschulen geknüpft, dabei zeigt sich, dass Teile des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Hochschulen ihre Nähe zur Freinet-Pädagogik entdecken bzw. sich mit freinetpädagogischen Inhalten qualifizieren. Um eine Zusammenarbeit in den Hochschulen zu verbessern und den Austausch zwischen Theorie und Praxis weiter zu entwickeln, gründet sich 1994 eine Initiativgruppe. Auch wird vom Vorstand der Freinet-Kooperative angeregt , eine Forschungsstelle “Freinet-Pädagogik” an der Universität Kassel einzurichten. Im September 1995 fand dann in Schwerte das erste gut besuchte Freinet-Hochschultreffen statt. Dem folgten weitere jährliche Treffen2. Die TeilnehmerInnen dieser Treffen waren sicherlich MiturheberInnen der Symposionsidee. So fand im September 1996 zum 100sten Geburtstag von Freinet das erste internationale Freinet-Symposion an einer deutschen Hochschule (Kassel) statt unter dem Thema “Freinet-Pädagogik – heute”. Erstmals gelang es, einem größeren Teil von Lehramtsstudierenden Zugang zur Freinet-Pädagogik zu verschaffen. Der Erfolg dieses Symposions führte zur Planung weiterer Symposien in einem dreijährigen Rhythmus. So folgte 1999 ein zweites internationales Symposion an der Universität Bremen. Auch hier gab es einen hohen Zulauf von Lehramtsstudierenden.
In den Lehramtsstudiengängen gibt es einen enormen Reformstau, der durch das Terhaardt-Gutachten öffentlich geworden ist und von Seiten der Kultusminister zu tiefgreifenden Forderungen nach Veränderungen sowohl struktureller als auch inhaltlicher Art im Lehramtsstudium geführt hat.
So fordert die Hochschuldidaktik heute die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen mit berufsqualifizierender Perspektive wie z. B.:

  • Selbstständigkeit / Selbsttätigkeit / Selbstorganisation / Teamfähigkeit / Kompetenzen kreativen Schreibens / Moderation, Rhetorik und Präsentation / Kommunikationstechniken. / Metakompetenzen der medialen Interaktion.

Das Aufbrechen von verkrusteten Seminarstrukturen und Ritualen und die Entwicklung sinnvoller Aufgaben wird nicht dadurch erreicht, dass wir Studierenden Theorien schülerorientierten Lernens u.a. verbal anbieten, sondern Studierende müssen die Konzepte, die sie im Studienverlauf kennenlernen und erarbeiten handlungsorientiert einsetzen und umsetzen. Es geht u.a. um eine stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis. In diesem Sinne lassen sich Prinzipien der Arbeitspädagogik Freinets auf Seminare in der Hochschule übertragen.
Sicherlich müssen wir Lehramtsstudierende für unsere Pädagogik gewinnen, was nicht immer leicht ist, da einerseits noch erhebliche Widerstände auch bei den Lernenden zu überwinden sind, andererseits ein starkes Bedürfnis und ein starker Wille da ist, eine qualitativ bessere Lehre für die eigene Professionalisierung einzufordern. Das zeigt exemplarisch folgendes Zitat aus einem Lerntagebuch:

“Ich zeige von mir aus viel mehr Bereitschaft, Aufgaben zu übernehmen, als ich das in anderen Seminaren mache. Die Möglichkeiten der Gestaltung des Seminars durch uns, regt bei mir den Willen zur Mitarbeit wesentlich mehr an, als Vorlesungen, in denen ein Dozent versucht, fremde Gedanken für eine Vielzahl von Menschen verständlich zu machen”.3

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein grundlegendes Prinzip in der Arbeitspädagogik Freinets aufmerksam machen, das sich auf das Lernen bezieht. Hier sind drei Kategorien von zentraler Bedeutung:

  • Strukturierung, als Baustein für Selbst- und Gruppendisziplin und demokratische Entscheidungsprozesse.
  • Unsicherheit und Zweifel als Baustein für die Dynamik des Lernprozesses.
  • Der eigene, freie Ausdruck als Baustein für Kommunikation und kreative Gestaltung.

Jedes Lernen lebt von seiner Dynamik. Dynamik bedeutet aber Ungewissheit in bezug auf Situationsabläufe auch in einer Seminarstunde. Die Folgen können nicht unbedingt absehbar sein. Ein mögliches Scheitern muss einkalkuliert werden. Fehler sind jedoch Anreize für neue Lernprozesse. Wichtig erscheint mir, dass dieses Prinzip sowohl in der Frage nach der Struktur der Arbeit immer mitgedacht ist,- daher auch ein dem traditionellen Wissenschaftsverständis diametral entgegengesetztes Vorgehen: der Weg der wissenschaftlichen Erkenntnis verläuft von tastenden Versuchen, vom Handeln zum Denken, vom Denken wiederum zum Handeln und damit zur Veränderung von Wirklichkeit. Die Theorie ist nur eine vorläufige Ergebnissicherung und dient dazu, die eigene Praxis noch besser zu gestalten,

“und man erreicht so eine neue Plattform an Wirkungskraft und Erkenntnissen, die einen in die Lage versetzt, von neuem die Wirklichkeit zu verändern”4

– als auch in der Frage wie Zugänge zum eigenen, freien Ausdruck geöffnet werden. Im Folgenden liste ich die meiner Meinung nach wirksamsten arbeitspädagogischen Prinzipien der Freinet-Pädagogik – im Hinblick auf die Strukturierung der Arbeit – auf, die sich auf Seminare in der Hochschule übertragen lassen.

Die Strukturierung der Arbeit in einem Seminar erfordert:

  • Rollen aufdecken und beschreiben: DozentIn, Studierende.
  • Die Funktionen festzulegen: Leitung von Großgruppe und Kleingruppe, Protokollführung, Zeitwächter, Pingelpott5. Verantwortliche für die materielle Ausstattung, Raumgestaltung und Serviceaufgaben zu bestimmen.
  • Kommunikationsformen auszuprobieren und zu entwickeln wie Korrespondenz (inkl. e-mail ), Artikel für die Zeitung, freie Texte, Fotos…
  • sich einzubringen durch Selbstbestimmungsformen wie Seminarrat, studentische Leitung.
  • Materialsammlungen diverser Art bereitzustellen.
    Vielfältige Ausdrucks-, Forschungsformen und Darstellungstechniken kennenzulernen und sich zu erarbeiten.
  • Arbeitspläne zu erstellen, sowohl individuell als auch für die gesamte Seminargruppe.
  • Unterschiedliche Protokollformen auszuprobieren wie Lerntagebücher, Mindmaps, Seminartagebücher.
  • Formen der Strukturierung eines Sitzungsablaufs praktisch durchzuführen: Visualisierung der Tagesordnung, Einführung von Ritualen, Beginn und Abschluss einer Sitzung, Kriterien der Gruppenbildung überlegen.
  • Eine selbstbestimmte, prozessbegleitende und produktorientierte Evaluation vorzunehmen.

Eine Verbindung von Wissen über Freinet-Pädagogik mit freinetpädagogisch orientierter Hochschulpraxis stößt aufgrund der desolaten Lage in den Lehramtsstudiengängen – ich verweise auf den oben genannten Reformstau – sowohl bei Lehrenden und Lernenden auf verstärktes Interesse.
Die Freinet-Pädagogik ist auf dem besten Weg, sich an der Hochschule ihren Platz zu erkämpfen.
Faszinierend ist für mich im Austausch mit KollegInnen, dass wir unsere individuellen Ausprägungen suchen und finden. Es gibt kein dogmatisches Gebäude, keine festgefahrene Ideologie, der man sich unterordnen muss. Aber es gibt lebhaft geführte Auseinandersetzungen um Theorien, Methoden, Techniken und deren Weiterentwicklungen.
Wichtigstes Kriterium bleibt für mich auch am Arbeitsplatz Hochschule der Bezug zur Praxis, sich selbst als Lernende zu erfahren, das eigene Lernen und Lehren kritisch zu reflektieren und die eigene Lust am Lernen!

Brigitta Kovermann

Jahrgang 1946, OBSTR’ an der Willy-Brandt-Gesamtschule Marl, abgeordnet an das Zentrum für Lehrerbildung an der Universität Dortmund, von 1989 – 1994 Präsidentin der FIMEM (der internationalen Freinet-Vereinigung)

  1. Dies ist die Überschrift, die Ursula Carle für ihren Aufsatz “Freinet-Pädagogik an der Hochschule” in dem Buch von Jochen Hering und Walter Hövel (Hrsg.) “Immer noch der Zeit voraus” gewählt hat. Mir erscheint diese Überschrift so passend, dass ich sie für meinen Beitrag übernommen habe.
  2. In diesem Beitrag greife ich auf Anregungen zurück, die in der AG: “Hochschuldidaktische Überlegungen zur Seminarqualität aus freinetpädagogischer Sicht” auf den Tagungen 98 und 99: “Freinet-Pädagogik und Hochschule” mit Uwe Rabe, Gerard Schlemminger entwickelt wurden.
  3. Aus einem Lerntagebuch über das Seminar “Freinetmethoden im Unterricht” SS 99
  4. Elise Freinet, Erziehung ohne Zwang, Stuttgart 1981, S.151
  5. Jörg Schlee, Die Praxis der Kollegialen Supervision, Oldenburg. Diese Person hat den Auftrag auf Einhaltung der vereinbarten Spielregeln zu achten. Sie darf deshalb knurren, und zur Not auch zubeißen (= Rede- oder Aktionsverbote ausstellen).