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Freie Arbeit

Bei der Planung der Arbeit im Morgenkreis wird täglich auch Zeit für die freie Arbeit eingeplant – es sei denn, wir befinden uns in einer Phase, in der die Präsentation von Projektergebnissen zum Mittelpunkt unserer Arbeit wird.

Zu Beginn der freien Arbeit besprechen wir gemeinsam, welche Aufgaben bis wann erledigt sein müssen und halten dieses an der Tafel fest. Anschließend schreibt jeder Schüler in sein Lerntagebuch, welche Aufgaben er sich für die aktuelle freie Arbeit vornimmt.

In aller Regel sind das Aufgaben aus den Bereichen Projekt, freier Ausdruck oder Werkzeugkiste. Falls Mathematikprojekte bearbeitet werden, kann auch dieses dazu gehören. Darüber hinaus ist die freie Arbeit auch der Bereich, in dem Zeit bleiben soll, beispielsweise weitere Arbeitsmöglichkeiten (die im Klassenraum bereitstehen) zu nutzen: Geräte auseinander bauen, Dinge mit einem Binokular untersuchen, in Büchern schmökern sind nur einige Bereiche, die ich nennen möchte. Die Schüler können während dieser Zeit auch außerhalb des Klassenraumes arbeiten: Sei es, um in die Bücherei zu gehen, um Interviews oder Messungen durchzuführen oder sei es, um einen ruhigeren und ungestörteren Platz für ihre Arbeit zu finden.

In dieser Phase der Arbeit berate ich die Schüler sehr oft bei ihren Vorhaben. Ich stehe für Fragen zur Verfügung, bespreche Leitfragen, biete Beratung bei Problemen an und achte darauf, dass die Betonung auf Arbeit bleibt und sich nicht auf frei verlagert. Zudem versuche ich, einen groben Überblick über die unterschiedlichen Tätigkeiten der Schüler zu behalten.

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Am Ende der freien Arbeit soll Zeit bleiben, mit Hilfe des Lerntagebuches zu überprüfen, ob das vorgenommene Pensum geschafft wurde und welches die nächsten Schritte sein sollten. Leider fällt dieser Reflexionsschritt oft aus Zeitmangel aus.

Die freie Arbeit wird von Schülern unterschiedlich genutzt. Ein Teil geht sehr zielgerichtet an die Arbeit und ist in der Lage, einen Arbeitszeitraum von beispielsweise 90 Minuten selbstständig und selbstorganisiert zu gestalten.

Andere hingegen sind mit der Planung und Durchführung der freien Arbeit teilweise überfordert. Wenn Schüler längere Zeit untätig rumsitzen und anfangen, andere bei der Arbeit zu stören, gehe ich mit ihnen ihre Planung im Lerntagebuch durch und bespreche, welches die nächsten Arbeitsschritte sein können. Dabei kann unter bestimmten Umständen durchaus auch eine Absprache entstehen, nichts zu tun, dabei aber Mitschüler nicht zu stören.

Allerdings bedeutet die Frage, ob ich bei untätig scheinenden Schülern eingreife oder nicht, oft auch ein Balanceakt für mich. Dabei geht es darum, auf der einen Seite ausreichend Zeit zu lassen für Gruppenprozesse, Denkprozesse, Klärungsprozesse usw.. Oft folgt auf eine Phase des “Zeit verschwendens” eine sehr produktive Phase, die ohne den Vorlauf so sicher nicht hätte stattfinden können. Gerade in Zeiten allgemeiner Hektik und Zeitdrucks ist der Luxus des “Zeit verschwenden” – auch als produktiver Faktor – sehr wichtig. Auf der anderen Seite will ich Schülern, die ihre “Zeit totschlagen”, da sie beispielsweise Schwierigkeiten haben, ihre Arbeit zu organisieren und anzugehen, Unterstützung und Orientierung geben. Hier immer die richtige Unterscheidung zu finden, ist für mich teilweise schwer.

“Darf ich nun die wichtigste und nützlichste Regel jeder Erziehung aufstellen? Sie heißt nicht: Zeit gewinnen, sondern Zeit verlieren” (Rousseau, Jean-Jacques, Emil oder über die Erziehung, Paderborn 1971, S. 72).

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