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Freinet im Kindergarten?

Lothar Klein

Célestin Freinet war Lehrer, Elise Freinet war Lehrerin. Gemeinsam mit Hunderten weiterer Lehrerinnen und Lehrer entwickelten sie das, was wir heute als “Freinet-Pädagogik” bezeichnen: eine auf Eigenaktivität, Selbstbestimmung und selbstgesteuertes Lernen setzende Schul-Pädagogik. Aber, ist das auch etwas für den Kindergarten?

1979 war es, als die ersten Kindertageseinrichtungen Freinet entdeckten. Vier Horte schlossen sich damals in Wiesbaden erstmals als “Freinet-Arbeitskreis” zusammen. Über viele Jahre hinweg entwickelten sie, kooperativ, wie es sich für die Freinet-Pädagogik gehört, eine ganz eigene Ausprägung dieses pädagogischen Ansatzes.

Künstlerateliers, Druckereien, Holzwerkstätten, Töpfereien, Auseinandernehmwerkstätten, Handarbeits-, Forscher- oder Technikateliers wurden in den Kindertagesstätten eingerichtet. Propeller-Segel-Doppelboote, Schlitten mit Öfen dran oder Rindsrouladen, eine mit, eine ohne Gurke, entstanden. Kinderkonferenzen kamen hinzu, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung. Die Häuser öffneten sich bereits Anfang der 80er Jahre. Kinder konnten mehr und mehr selbst über ihren Aktionsradius und ihre Aktivitäten entscheiden. In Kinderräten und anderen Treffenbegannen sie mitzureden, wenn es um das Geld ging, um Regeln, um Konflikte und natürlich um alle Dinge, die ihnen

selbst wichtig sind. Sie führten Zahnpastatests durch, um herauszubekommen, welche Zahnpasta am besten schmeckt, stellten Essenspläne auf, bewirkten, dass sie Möbel gebaut bekommen, die ihnen auch gefallen oder verdonnerten Erwachsene zu bestimmten Arbeiten.

Im Laufe der Jahre lernten die Erwachsenen, den Dialog mit den Kindern immer besser zu führen. Heute drückt sich die Freinet-Pädagogik im Kindergarten vor allem als Haltung den Kindern gegenüber aus. Ihre praktische Umsetzung ist so facettenreich wie das Leben selbst. Aber überall wird Kindern Achtung und Anerkennung entgegengebracht. Sie werden nicht beschämt und können mehr und mehr über sich selbst und ihre Wege bestimmen.

Ideenreich und kompetent gehen mittlerweile überall in Deutschland Erzieherinnen in Kindergärten, Horten oder altersgemischten Gruppen daran, ihre eigene Freinet-Pädagogik zu entwickeln, organisieren Arbeitskreise, in denen sie sich austauschen und treffen sich ca. alle zwei Jahre auf bundesweiten “Fachtagungen”.

“Freinet im Kindergarten” hat viele Berührungspunkte zu anderen kindzentrierten pädagogischen Ansätzen, besonders aber zur “Offenen Arbeit” und zur Pädagogik Reggio Emilias in Italien.

Lothar Klein, Jahrgang 50, ist Diplom-Pädagoge und war von 1981-97 KiTa-Leiter.
Er arbeitet als freiberuflicher Fortbildner bei
balance – pädagogik und management.

Wer weitere Informationen oder Kontakte sucht, kann sich wenden an:

Lothar Klein, Köpfchenweg 24, 65191 Wiesbaden,
Tel. 0611/1899444, Fax 0611/1899445
info@balance-paedagogik.de www.balance-paedagogik.de

Literaturhinweis: Lothar Klein: “Freinet-Pädagogik im Kindergarten” Herder, Freiburg 2002.