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Kunst

Barbara Daiber

Den Kindern das Bild geben

Entwicklung in Kinderbildprozessen

Randbemerkungen zur CD-ROM

“Hier kann ich malen, was ich will”, sagen die Kinder im Atelier, wenn ich sie frage, warum sie zu mir zum Malen kommen. Sie erleben im Atelier die Freiheit und die innere Erlaubnis, ihre eigene Spur zu finden und zu verfolgen, ihre Bildsprache zu entwickeln und tief in den Strom dieser Kraft einzutauchen. Dabei entstehen ganz “normale” Kinderbilder, die leider mit zunehmendem Alter der Kinder in der Regel aus unseren Schulen verbannt sind. Künstlerisch spektakulär wirkende Ergebnisse der Kinder, experimentelle Techniken und wilde Mal-Aktionen stehen selbst im Kontext des freien Ausdrucks höher in der Bewertung als das einfache, oft auch stereotype Kinderbild. Der Wert und die Förderung des einfachen Kinderbildes ohne Worte, wo ist das geblieben? Wo sind die Räume, wo diese kindliche Äußerung wachsen und gedeihen kann? – Den Kindern den Raum geben für ihre eigene Bildsprache, das ist das, was ich hier ermöglicht und dokumentiert habe.

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Entwicklung

Viele der hier gezeigten Bilder kommen uns irgendwie bekannt vor: aus unserer eigenen Kindheit, aus den Bildern unserer eigenen Kinder zuhause oder oft als Nebenprodukt in der Schule.
Was ich hier zeige, ist sichtbare Entwicklung: Wohin führt die Spur des Kinderbildes im Schulkindalter, wenn die Kinder dafür förderliche Bedingungen in einem geschützten Raum, gutes Material und vor allem Wertschätzung erhalten? Mein Suchen dient allein dem Zweck, die Äußerungen der Kinder wichtig zu nehmen und ihren Sinn, nicht ihre Bedeutung zu verstehen.
Bedingt durch materielle und räumliche Bedingungen im Atelier führen meine Dokumente tief in die Welt der Bilder, der Bildsprache des Kindes und in die Welt der Farbe.
Mein Entwicklungsblick ist dabei phänomenologisch, angeregt durch Arno Sterns Blick zur Formulation und den offenen, tastenden, auf Entwicklung vertrauenden Blick der beiden Freinets. Ich suche nach größeren Abschnitten und Etappen auf den Malwegen der Kinder, nach Themen, die sich zeigen, nach Formen und Farben, die immer wieder auftauchen, nach Stilmerkmalen der einzelnen Kinder.
Ich finde in meinen Entwicklungsbetrachtungen Strukturen, die sich wiederholen, Strukturen, die sich auflösen, Momente, wo Neues in Altes integriert wird. Ich finde konkrete Elemente, die gehäuft auftreten und sich verdichten, bis etwas voll, rund geworden ist. Ich finde das bei Annas Bär, bei Annes Blumenwiese, bei Pauls Rückgriff auf die pulsierenden Urrhythmen, bei Galinas Wegebild und Marijkes großem Kerl.

Die CD-Rom ist so angelegt, dass der Betrachter seinerseits auf Forschungsreise gehen kann. Meine Kommentare sind nur ein kleiner Ausschnitt aus möglichen Blickwinkeln, die mir präsent sind.

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Zur Auswahl der Kinderbildprozesse

Es fiel nicht leicht, aus der Vielzahl der vorliegenden Prozessen für diese Dokumentation auszuwählen. Mein Blick auf die Bilder ist verbunden mit der Erinnerung an das Kind, an den Malprozess einzelner Bilder und an auffällige Momente im Gruppengeschehen oder in der Malbegleitung. Die Malstunden sind voller Überraschungen, sowohl für die Malenden als auch für mich als Malleiterin. Wenn die Kinder den Malraum verlassen, bleibe ich oft noch einen Moment zurück und staune über die Bilder, die sie zurückgelassen haben. Ich staune darüber, welche Welten sie erschaffen haben, welche Kämpfe sie gekämpft haben, welche Farben sie probiert haben oder wie sie mit Neuem experimentiert haben. Wie selbstverständlich fließen diese Impulse aus ihnen heraus, und es ist eine wunderbare Aufgabe, sie dabei zu begleiten, zu unterstützen und zu noch mehr herauszufordern.

Paul war das erste Kind, bei dem ich meinen “Prozessblick” entwickelte.
Als Paul zum Malen kam, war ich besonders beeindruckt vom immer wieder gleichen Ablauf in der Entstehung seiner Bilder. Als wenn er auf jedem Blatt die Welt neu erschaffen würde, flossen immer gleiche Elemente aufs Papier. Die Bilder flossen nur so durch seine Hand, und durch den Pinsel aufs Papier. Paul redete ausgesprochen ungern, beim Malen strahlte er und brauchte nichts weiter als Papier, Farbe und Pinsel.
Pauls Serie umfasst über 140 Bilder. Neben der Diaserie, die jedes seiner Bilder einzeln zeigt, ermöglicht eine Übersicht über seine Bilder einen Einblick in den zeitlichen Ablauf aus größerem Abstand. Pauls Entwicklungsprozess habe ich in einem Artikel bereits ausführlich beschrieben, der in dieser CD-Rom als Text zu finden ist. Darin ist auch der Rahmen, in dem die Bilder entstehen, sehr ausführlich dargestellt. So eignet sich der Text gut als Einführung in die gesamte Arbeit. Die beigefügten Ansichten ermöglichen erstmals aufgrund des digitalen Mediums eine vollständige Bebilderung dieses Textes.

Galina setzte mit ihren wachsenden Bildern 3 Jahre später einen wichtigen Initialfunken für die Kraftentfaltung in der ganzen Malgruppe. Die Bilderweiterung, das Anhängen weiterer Blätter zum Vergrößern eines bereits begonnenen Bildes, war für alle Kinder auch zuvor bekannt und möglich gewesen. Dennoch war dieses Angebot nur sehr sparsam genutzt worden. Durch Galinas Bilder wurde eine Kraft entfacht, die auf viele andere Kinder nachhaltig und ansteckend wirkte.

Anne begann das Malen in einer Zeit, in der ich in der Dokumentation der Malprozesse keine festen Kriterien hatte, eher unstrukturiert und willkürlich nach nicht definierten inneren Kriterien fotografierte. Ihre Bilder habe ich zunächst nicht fotografiert, weil ich dafür offensichtlich kein inneres Kriterium hatte.
Als ich ein Vierteljahr später entschied, die Bilder aller Kinder, die kontinuierlich und langfristig malen, zu dokumentieren, waren auch Annes Bilder dabei. Bei Anne hat sich aus diesen scheinbar unauffälligen Anfängen eine lange und intensive Spur entwickelt. Anne und ihre Bilder haben mich gelehrt, meinen Blick auf Kinderbilder um wichtige Aspekte zu erweitern: die Kraft der oft nicht wahrgenommenen einfachen Bilder zu entdecken und zu verstehen, vor allem aber als wichtige Kraft in der kindlichen oder jugendlichen Entwicklung zu würdigen und zu wertschätzen.

Anna habe ich hier unter anderem ausgewählt, weil sie das zentrale Entwicklungsthema der eigenen geschlechtlichen Identität konsequent bildhaft thematisiert. Daneben greift sie Bildimpulse von anderen Kindern häufig als Anregung auf. Ihre eigene Spur zeigt sich dennoch in persönlichen Stilmerkmalen und für sie typischen Grundelementen, die immer wieder in ihren Bildern vorkommen.

Marijkes Bildprozess schließlich steht für mich für die große Hingabe an den schöpferischen Prozess, mit der die Kinder im Atelier ernsthaft und lustvoll zugleich arbeiten.
Ihre Bilder entstehen wie nach einem inneren Plan, den es abzuarbeiten gilt. Meine Hilfe nimmt sie gerne in Anspruch beim Umgang mit Pinsel und Farbe, beim Farbmischen oder zur Unterstützung von Ausdauer und Geduld, wo es nötig ist. Ansonsten genießt sie die Fülle der Farben, die Qualität der Pinsel, die Energie der anderen und vor allen Dingen die Freiheit, sie selbst zu sein.
Sie findet beim Malen einen Kanal für Seiten in sich, die im Alltag offensichtlich keinen rechten Platz haben. Dabei gibt sie sich ihren erstaunlichen Kräften tätig und schöpferisch hin, bis sie erfrischt und gewachsen daraus hervorgeht.

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Ermutigung zum Freien Ausdruck in Schule und Kindergarten

Diese Dokumentation soll dazu ermutigen, auch in der Schule mehr urteilsfreie Räume zu schaffen, in denen der freie Ausdruck der Kinder fließen und formuliert werden kann, ohne besprochen und beurteilt zu werden. Beweiskraft genug für diese Forderung sind für mich die Kinder, die sich in einem geschützten Rahmen mehr und mehr ihren eigenen Kräften hingeben und sich daran erfreuen. Die Bedingungen, die ich im Malatelier geschaffen habe, sind nicht ohne weiteres in Schule und Kindergarten übertragbar. Dennoch finde ich mittlerweile in verschiedenen Kindergärten eingerichtete Malwände, Ecken oder abgetrennte Räume. Wer um die Kraft des Ausdrucks weiß, findet Wege und Möglichkeiten, diese zu erlauben. Kleine Freiräume, Rituale und Regelmäßigkeit in Zeitstruktur und Materialangebot und die Wertschätzung des kindlichen Tuns sind schon die wesentlichen Elemente, die ein freies Fließen des eigenen Ausdrucks möglich machen. Besonders wertvoll ist das Malen für diejenigen, die es besonders gerne tun, die es aus einer inneren Notwendigkeit heraus verlangen zu tun, und für die, die sich durch sprachliche Barrieren wie Emigration, kulturelle Unterschiede, Sprachbehinderungen in anderen Ausdrucksebenen wie dem Malen mehr zuhause fühlen können.

In eigener Sache

Ich war zunächst nicht sicher, ob der große Aufwand einer digitalen Aufarbeitung lohnenswert ist. Und wo dabei die Vorteile liegen gegenüber den Printmedien. Im Arbeitsprozess wurde deutlich, dass dieses Medium erst ermöglicht, die zahlreichen Bilder auch anderen zugänglich zu machen. Der Druck so vieler Bilder wäre kaum finanzierbar. Ein weiterer Vorteil zeigte sich, als ich begann, die kommentierten Präsentationen zusammenzustellen. Anders als bei Dias konnte ich beliebig viele Bilder als Material auf die Computeroberfläche holen, nebeneinander legen, miteinander vergleichen und so meine Blickwinkel auch für andere sichtbar machen und kommentieren.
Gerne möchte ich meine Bildforschungsarbeit fortsetzen. Dafür wäre es sinnvoll, mein gesamtes Archiv zu digitalisieren. Wer hat Ideen oder Hinweise, wo eine Weiterarbeit auf Interesse und vor allem auch auf finanzielle Unterstützung stoßen könnte?

Ab 2005 plane ich eine Langzeitfortbildung, die neben ausreichend Zeit zum Selbermalen die Einrichtung eines Malateliers und die Malbegleitung thematisiert.

Weitere Mal-Termine im Fortbildungskalender dieser Homepage oder unter www.barbaradaiber.de