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Erlebnisbericht

RIDEF-Erlebnisbericht

Silvia Herzog
Die internationalen Treffen

FASZINATION RIDEF
Alle 2 Jahre findet das internationale Freinet-Treffen ( RENCONTRE INTERNATIONALE DES EDUCATEURS FREINET ) statt. Nach meinem ersten RIDEF 1990 in Finnland ging ich fasziniert nach Hause. Was war es denn eigentlich, das mich so berührte und beeindruckte?
Es gab so viele schwierige und anstrengende Situationen (nicht nur die Sprachprobleme), und trotzdem wusste ich, dass ich am nächsten Treffen wenn möglich wieder teilnehmen wollte. Heute kann ich das Besondere eher mit Worten ausdrücken: Das Erlebnis, dass 200 bis 300 Leute aus verschiedensten Ländern sich treffen, motiviert sind, miteinander zu arbeiten und ihre Erfahrungen auszutauschen, ist etwas Einmaliges. Der Austausch findet an der Basis, d.h. zwischen Leuten statt, die in der pädagogischen Praxis stehen. Die Situation, dass ich mich die meiste Zeit nicht in meiner Muttersprache verständigen kann, zwingt mich dazu, meine gewohnten Wege zu verlassen, anders zu kommunizieren und Ideen zu suchen, wie wir uns verständigen und miteinander arbeiten können. Die Begegnung mit Fremdem und Ungewohntem verändert mich. Ich werde auf persönliche Art mit den ökonomischen Verhältnissen und Unterschieden auf der Welt konfrontiert.
Die internationalen Treffen haben mich politisiert. Ich begann, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge zu sehen und zu suchen. Immer mehr wurde mir bewusst, wie sehr die Lebensbedingungen in der Schweiz nicht isoliert betrachtet werden können. Den 10. Punkt der Charta der modernen Schule verstehe ich jetzt viel besser: Die Pädagogik Freinets ist ihrem Wesen nach international. Kontakte, die während eines RIDEFs entstehen, gehen in verschiedenster Form weiter: Briefwechsel, Klassenkorrespondenz, gegenseitige Besuche, Teilnahme an nationalen Treffen, Solidaritätsprojekte usw.

DIE FIMEM
Durch die Mitarbeit im Vorstand der FIMEM (Fédération Internationale des Mouvements d´Ecole Moderne) habe ich nun auch die Organisation kennengelernt, die unter anderem internationale Treffen ermöglicht und Kontakte zwischen verschiedensten Gruppen fördert. Die Bedingung, dass alle Vorstandsmitglieder in der Praxis tätig sind und diese Arbeit nebenamtlich ausführen, garantiert, dass wir nicht zu einer bürokratischen Organisation werden. Sie setzt uns aber auch ganz klare Grenzen. Wir können nicht im üblichen Sinn “professionell” auftreten (z.B. Publikationen, Sponsorensuche etc.). Dieser Unterschied zu anderen internationalen und pädagogischen Organisationen ist aus meiner Sicht gerade das Besondere an unserer Bewegung.

DIE ETWAS UNMÖGLICHES VERSUCHEN
So kommt mir manchmal unsere Vorstandsarbeit vor. So wie in einem RIDEF-Atelier versuchen wir, uns mit verschiedenen Sprachen auszudrücken und zu verstehen. Ich darf nicht zu lange überlegen, wie oft wir uns dabei missverstehen und wieviel Zeit wir brauchen, um Missverständnisse zu klären. Doch auch hier spüre ich den Willen, die Motivation und auch den Spass, miteinander ein Stück weiter zu kommen und einen Beitrag zur Veränderung der Schule zu leisten.

DIE MITGLIEDER DER FIMEM
Freinet-Bewegungen aus der ganzen Welt (aus ca. 35 Ländern) sind 1996 Mitglieder der FIMEM, die meisten davon aus europäischen Ländern. 1994 wurden Freinet-Gruppen aus Bulgarien, Rumänien und Russland und 1996 eine Freinet-Gruppe aus Japan Mitglieder der FIMEM. 1995 wurde die CAMEM (Coordination Africaine des Mouvements d’Ecole Moderne gegründet. (Benin, Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Senegal) Tendenz: Die Anzahl der Freinet-Gruppen nimmt zu, doch die Mitgliederzahl in den einzelnen Bewegungen ist in einigen Ländern sinkend.

DIE WER INTERESSIERT SICH ÜBERHAUPT FÜR DIE INTERNATIONALE BEWEGUNG?
Wie in anderen Bewegungen sind es auch in der Schweizer Freinet-Bewegung immer etwa die gleichen Leute, die an die internationalen Treffen fahren. Ab und zu gelingt es uns, jemanden mit unserer Begeisterung anzustecken. Viele Ideen, Techniken und Diskussionsthemen im eigenen Land gehen auf internationale Kontakte zurück, d.h. auch die KollegInnen der Freinet-Gruppen, die selber nie an einem internationalen Treffen teilgenommen haben, werden so Teil der internationalen Bewegung.

GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE
Jedesmal wenn wir nach Gemeinsamkeiten der Freinet-Bewegungen in den verschiedenen Ländern suchen, finden wir sofort auch viele Unterschiede. Die Auseinandersetzung in diesem Spannungsfeld ist nicht immer einfach. Die Diskussion (über Themen wie Zukunft der Freinet-Pädagogik, Laizismus, Demokratie, Rechte der Kinder, politische Dimension der Freinet-Pädagogik), vor allem wenn sie in einer Fremdsprache stattfindet, ist für mich sehr schwierig und oft unbefriedigend. Es ist aber ein Anlass, ein Thema nach dem RIDEF zu Hause in der eigenen Sprache und in der eigenen Gruppe weiter zu diskutieren.

(September 1996)

aus: Herbert Hagstedt (Hrsg.)
Freinet-Pädagogik heute. Beiträge zum internationalen Célestin-Freinet-Symposion in Kassel, DSV, Weinheim 1997