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Was ist Freinet-Pädagogik ?

Heini Witte-Löffler

… Zum Schluß noch mal ein Versuch, zusammenzustellen, was ich unter Freinet-Pädagogik verstehe. Freinet hatte nie den Anspruch, eine Pädagogik begründet zu haben. Er hat, wie viele andere Reformpädagogen in den 20er Jahren auch, sich bei Kolleginnen und Kollegen umgesehen und für sich das verwendet, was er gebrauchen konnte. Der folgende Versuch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es würde mich freuen, wenn er hilfreich wäre.

1.  Freinet ging davon aus, daß die Kinder lernen wollen! Er geht davon aus, daß es eine Natürliche Methode des Lernens gibt, mit der die Kinder lernen. Wenn ich die Lernunlust der Kinder vermeiden will, muß ich meinen Unterricht ändern. Ich darf das Lernen der Kinder nicht verhindern. Dazu muß ich meinen Unterricht verändern. Das geht nur, wenn wir Lehrer auch bereit sind, uns zu verändern.

2.  Wir müssen deshalb untersuchen, wo die Interessen der Kinder liegen, damit wir in der Lage sind, “ihnen das Wort zu geben”. Wenn sie nach ihren Interessen und ihren Fähigkeiten arbeiten können, sind sie sehr bereit und fähig, den meisten Unterricht selbständig zu gestalten.

3.  Der Lehrer, die Lehrerin ist dabei vor allem als Hilfe da, nicht als Leiter und Lenker. Dafür müssen die Lehrerlnnen ihren Kopf freimachen für die Interessen der Kinder, dann können sie diese auch berücksichtigen. Der Lehrer wird zum Lernenden, andere Interaktionsformen werden möglich. Der Lehrer ist für den Rahmen verantwortlich, läßt aber Raum, daß die Kinder das Wort ergreifen können.

4.  Dazu gehört das Forschen und Entdecken der Kinder. Der Lehrer weiß nicht alles besser, er ermöglicht es den Kindern, eigene Erfahrungen zu machen und diese anderen zu vermitteln.

5.  Der Morgenkreis, Klassenrat o.ä. ermöglicht die Findung von Themen und deren Vorstellung vor der ganzen Klasse.

6.  Entdeckungen, Arbeitsergebnisse werden anderen mitgeteilt. Dies kann auch geschehen über Wandzeitungen, Klassen- oder Schulzeitungen, Druckerzeugnisse aus der Schuldruckerei.

7.  Zur Unterstützung der Arbeit dienen Lexika, Bücher und Arbeitskarteien, die entweder von Schülern selbst angelegt werden oder im Handel erhältlich sind. Viele Karteien sind auch einfach vom Lehrer zu erstellen.

8. Festgelegt werden die Arbeiten im Klassenrat. Festgehalten werden sie im WochenpIan, den jeder Schüler am Anfang der Woche für sich gestaltet. Der Wochenplan ist nach seiner Fertigstellung Pflicht.

9. Die SchülerInnen arbeiten allein oder in Gruppen. Dies wird durch die Arbeitsinhalte bestimmt. Bestimmte Arbeiten an Projekten können auch länger dauern. Zwischenberichte werden im Klassenrat gegeben. Der Lehrer ist als Ansprechpartner für Probleme vorhanden.

10. Lehrpläne setzen der Freien Arbeit Grenzen, da bestimmte Themen Pflicht sind. Gleichzeitig geben die Lehrpläne Anstöße für die Themen der zu bearbeitenden Projekte.

11. Bestimmte Inhalte müssen gelernt werden (z.B. Mathematik …). Als Hilfmittel dazu dienen u. a. Schulbücher, Arbeitskarteien. Wir unterscheiden dabei Freiarbeit, bei der die Kinder sich wirklich frei ihr Arbeitsthema wählen und das oft damit verwechselte “Freie Üben”, bei dem die Kinder aus bestimmten Arbeitsvorgaben ihr Lerntempo und die Arbeitseinteilung bestimmen können.

12. Bestimmte Fächer werden in Epochen unterrichtet, um nicht bis zur nächsten Unterrichtsstunde eine Woche warten zu müssen. So werden aus den Fächern Biologie, Erdkunde, Geschichte, GK etc. Einheiten, in denen in einer Woche etwa 5 Stunden an einem Thema gearbeitet werden kann. Die Arbeitsergebnisse sind überzeugend.

13. Lernen findet statt an direkt vermittelten Erfahrungen, es wird nicht didaktisch aufbereitet.

14. Das Lernen ist an den Bedürfnissen der Schülerlnnen orientiert, wie auch an den Bedürfnissen des Lehrers.

15. Freinet ging davon aus, daß die Klasse als Kooperative zu organisieren sei. Pädagogische Materialien dienen dabei als Hilfsmittel.
Dies alles ist keine Utopie. Seit etwa 20 Jahren befasse ich mich mit Freinet-Pädagogik, vor allem in der Grund- (Kl. 3/4) und Hauptschule (Kl. 5-9)., mit stetig steigendem Erfolg. Dies alles auszuführen, würde allerdings den Rahmen sprengen.
Ich habe mit kleinen Schritten und einzelnen Elementen, wie dem “Freien Text” (kein Aufsatz), angefangen und immer mehr Teile hinzugenommen. Kleine Schritte sind besser als ein Sturzflug in die Resignation. Viel Spaß und Erfolg.

aus: FuV 55, Februar 1991
Heini Witte-Löffler, Jahrgang 1948, Schulleiter einer Grund- und Hauptschule mit Lernwerkstatt.