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Pädagogische Grundsätze

Ulrich Hecker

5 Pädagogische Grund-Sätze Célestin Freinets

 “Den Kindern das Wort geben”

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Dieses Motto Freinets drückt vielleicht am prägnantesten den Kern seiner Auffassungen aus. Zentrum aller pädagogischen Bemühungen ist das Kind, der Jugendliche: als eigenständige Person.
Ihr müssen in der Schule und in der Klasse vielfältige Möglichkeiten gegeben werden, ihre besonderen Fähigkeiten zu entwickeln, sich möglichst selbständig Wissen anzueignen, das Lernen zu lernen und soziale Lebenserfahrungen zu gewinnen: “Im Mittelpunkt der Schule wird das Kind stehen.

Das Kind baut mit unserer Hilfe seine Persönlichkeit selbst auf.”

Freinet selbst nannte seine pädagogischen Überlegungen, Ideen und Anregungen nie “Pädagogik”. Ihm ging es darum, aus den Alltagserfahrungen sinnvolle Formen des Lernens zu entwickeln und zu einem pädagogischen Konzept zusammenzufügen:
“Am Anfang jeder Eroberung steht nicht das abstrakte Wissen, sondern die Erfahrung, die Übung und die Arbeit.” Dieser Satz gilt für Freinets Pädagogik ebenso wie für die praktische Arbeit in der Schulklasse. Die überkommene Trennung von Schule und Leben, von Theorie und Praxis, von Kopfarbeit und Handarbeit soll praktisch überwunden werden: “Par la vie – pour la vie – par le travail” (Durch das Leben – für das Leben – durch die Arbeit) wird sein Leitspruch.

Die Schule von morgen wird die Schule der Arbeit sein”

TeichDieser Satz ist Programm der pädagogischen Reforminitiative Célestin Freinets. Er ist nichts weniger als der Schlüssel zur notwendigen Umgestaltung der Staats-schule: “Wenn (wie wir beweisen) ein Kind, das seiner Persönlichkeit gemäß arbeiten kann, nicht mehr ausgeschimpft oder ‘motiviert’ werden muss, um eine sorgfältige Arbeit zu liefern, dann bricht die ganze alte Schulkonzeption zusammen.”

Von jeher konzentriert sich die Schule auf die Belehrung durch Worte und Symbole. Das liegt an der spezifischen Schulkultur, die sich im Laufe der Geschichte der Schule entwickelt hat. Es liegt an der Bedeutung von Sprache und Mathematik für unsere Kultur, auch am Charakter von Schule als Institution, die nicht das Leben betreiben will, sondern das Lehren und Unterrichten. Schon Pestalozzi schimpfte, dass Schule zum “Maulbrauchen” anhalte, statt zu Erfahrung und praktischem Tätig-sein. Freinet stellte sarkastisch fest: “Seien wir ehrlich: Wenn man es den Pädagogen überlassen würde, den Kindern das Fahrradfahren beizubringen, gäbe es nicht viele Radfahrer.”

Demgegenüber ist “Arbeit” der Kern der Pädagogik Freinets:
“Die Arbeit wird das Prinzip, der Motor und die Philosophie der Pädagogik für das Volk sein. Durch Selbsttätigkeit wird aller Bildungserwerb erzielt.” Die Schule in seinem Sinne ist eine “Arbeits-Schule”, sie wird zur Werkstatt. Im Zentrum der Schule steht die sinnvolle, schöpferische und das Kind entfaltende Arbeit.

Unsere Schule wird eine Werkstatt sein”

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Wird selbständige und kooperative Arbeit ins Zen- trum gestellt, dann wird Schule zu einer Werkstatt für Handarbeit, Kopfarbeit und Zusammenarbeit. Schule als Werkstatt, das bedeutet: Schüler und Lehrer versuchen, mit Kopf, Herz, Händen und allen Sinnen gemeinsame Ziele zu erreichen.”Unsere natürlichen Methoden”, schreibt Freinet,”beruhen auf genau denselben Prinzipien, nach denen seit Menschengedenken Kinder sprechen und laufen gelernt haben. Niemand wäre auf die Idee gekommen, daß dazu Regeln, Aufgaben und Un-terricht notwendig seien. … indem man spricht, lernt man zu sprechen; indem man schreibt, lernt man zu schreiben …”.

Die Freinet-Pädagogik bevorzugt Unterrichts-methoden, die dem Kind die Annäherung und die eigensinnige “Eroberung” einer Sache durch eigenes Ausprobieren und Experimentieren ermöglichen und von Anfang an Blick und Zugriff auf das Ganze zulassen und das Kind eben nicht Schritt für Schritt an den Lehr-Gang des Lehrers fesseln. Darum geht es, wenn Freinet von der “natürlichen Methode” spricht.

Die Schulklasse als Kooperative”

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Freinet begreift die Schulklasse als Arbeitsgemein-schaft, als “Kooperative”: als lebendigen Orga-nismus, der sich soziale Institutionen zur Selbst-organisation des Zusammenlebens und -arbeitens selbst schafft: Klassenversammlung und Klassenrat, Regeln und Vereinbarungen, Klassenämter, Wand-zeitungen, individuelle und gemeinsame Arbeits-pläne.
VerantwortlicheDie Arbeit in der Klassenkooperative beginnt mit einem selbst bestimmten und sich ständig entwickelnden Regelwerk, das die Arbeits- und sozialen Beziehungen orientiert und strukturiert. In der immer noch vorherrschenden Form des Unterrichts sind Noten und die daran festgemachte “Leistung” die Quelle, aus der sich Selbstwertge-fühl (wie Entmutigung) speisen.

In kooperativen Lern- und Unterrichtsprozessen gibt es keine “besseren” oder “schlechteren” Mit-schülerinnen und Mitschüler, keine, die allein “das Sagen” haben, keine, die an den Rand gedrängt werden. Und wenn – dann kommt das zur Sprache. Kooperation und schließlich Solidarität sind dort möglich, wo jeder einzelne das Gefühl hat, gleichberechtigt und gleichgeachtet zu sein.

Die Befreiung der Schule geht von den Lehrern aus.”

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Freinets Pädagogik zielt auf Befreiung. Auf reiche Entfaltung der kindlichen Persön-lichkeit ebenso wie auf eine befriedigende Berufspraxis von Lehrerinnen und Lehrern: “In der traditionellen Schule unterweist der Lehrer die Schüler, manchmal versucht er auch, sie zu erziehen. Wir sagen: Das Kind muss sich selbst erziehen, sich selbst bilden, mit Hilfe der Erwachsenen. Wir versetzen die Achse der Erziehung: im Zentrum der Schule steht nicht mehr der Lehrer, sondern das Kind.”

Lehrer2Dies hat eine neue “Lehrerrolle” zur Folge und macht den “Unterrichtsbeamten” und “Stundenhalter” zum Erzieher und Mit-Arbeiter seiner Schüler: “Und ihr Lehrer seid mehr als andere durch die formellen Anforderungen eures Berufs geprägt. Jede Aufgabe, die ihr korrigiert, jeder Strich mit roter Tinte, jede Lektion, die ihr wiederholt, jeder Schlag mit dem Lineal auf den Tisch, jede großzügig ver-teilte Strafe gräbt in euch ihre unauslöschliche Spur. Verlasst die Kanzel und nehmt das Werkzeug. Richtet die Setzrahmen her und bereitet den Druck vor, begeistert euch an jedem Erfolg; seid alles zugleich, Arbeiter, Gärtner, Techniker, Spielleiter und Dichter, lernt wieder zu lachen, zu leben und zu fühlen. Ihr werdet neue Menschen sein.” .

Und so war und ist “Kooperation” und die Schaffung von Lehrerkooperativen die Quelle der Freinet-Bewegung und die Voraussetzung für die Veränderung von Schule und Unterricht: Schulreform von unten.