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Biographie Célestin Freinet

Ulrich Hecker

Biographische Notizen

Annäherung an Célestin Freinet

1896

Freinet wird am 15. Oktober als fünftes von acht Kindern einer Bauernfamilie in einem kleinen Dorf in der Provençe geboren. Seine eigene Schulzeit erlebt der aufgeweckte und freiheitsliebende Junge als Qual. Diese Erfahrungen prägen Anschauungen und Handeln des späteren Pädagogen ebenso wie seine enge Verbundenheit mit Natur, Land und Leuten.

1915

zum Kriegsdienst eingezogen erleidet Freinet eine schwere Lungenverletzung. Seine Kriegserfahrungen machen ihn zeitlebens zum überzeugten Pazifisten. (Seine Lungenverletzung übrigens führte etliche seiner Biographen zur Vermutung, er habe seine “Pädagogik der Selbsttätigkeit” entwickelt, um einen langen Schultag überhaupt durchstehen zu können.)

1920

Trotz der Verletzungsfolgen schafft es Freinet, seine erste Lehrerstelle in der winzigen, armselig ausgestatteten Dorfschule von Bar-sur-Loup anzutreten. Hier entsteht nun Anfang der 20er Jahre die “Freinet-Pädagogik”, als mehrere Kollegen sich zusammentun und versuchen, Unterricht gemeinsam zu verändern.

1923

kauft Freinet eine Druckpresse und läßt seine Schüler freie Texte ohne vorgegebenes Thema schreiben und drucken. Bald entstehen daraus Klassenzeitungen. Die Praxis des freien Textes und der Schuldruckerei ersetzen allmählich die herkömmlichen Schulbücher und helfen, “den Kindern das Wort (zu) geben”. Die Druckerei wird zum Symbol der rasch wachsenden “Freinet-Bewegung”, die untereinander durch ein Netz von Kooperation, Korrespondenz sowie Treffen und Tagungen verbunden ist.

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1924

gründen Freinet und zahlreiche gleichgesinnte Kollegen eine “Kooperative”, die pädagogische Zusammenarbeit organisiert und Arbeitsmittel und Materialien herausgibt (“Coopérative de l’Enseignement Laïc”, C.E.L.), aus der allmählich die französische Lehrerbewegung der “Ecole Moderne” (“Moderne Schule”) hervorgeht. Ihr Ziel ist es, die alte Buch- und Paukschule von innen heraus umzugestalten – durch die Kooperation zwischen einer stetig wachsenden Zahl von Lehrerinnen und Lehrern. Ihre politischen Absichten unterscheiden diese Bewegung von anderen reformpädagogischen Strömungen: Als “Pädagogik des Volkes” erstrebt sie emanzipatorische Ziele und ergreift Partei für die Kinder der Unterprivilegierten.

1926

produziert Freinet seine erste eigene Schuldruckpresse und entwickelt in den Folgejahren noch einfachere, handlichere Modelle, um die Schuldruckerei massenhaft verbreiten zu können. Immer mehr französische Schulklassen treten in Korrespondenz und tauschen Texte, Klassenzeitungen und Arbeitsergebnisse aus. Im gleichen Jahr heiratet er Elise, Zeit seines Lebens seine engste Mitarbeiterin. Freinet arbeitet aktiv in der Gewerkschaft und wird Mitglied der Französischen Kommunistischen Partei (die ihn Anfang der 50er Jahre wieder ausschließen wird: Er und seine pädagogische Bewegung lassen sich nicht auf “Parteilinie” bringen.)

1927

findet der erste Kongreß der “Ecole Moderne” statt, die fortan jährlich stattfinden. Die “Kooperative” vertreibt Druckereien, Arbeitskarteien, “Nachschlagekiste” und Lesehefte – Arbeitsmittel, die nun endgültig die Schulbücher verdrängen und selbstorganisierte “Freie Arbeit” ermöglichen.

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1928

wechseln Freinet und seine Frau nach St. Paul de Vence an eine Schule, an der beide unterrichten können. Die wachsende pädagogische Bewegung, die die Grundlagen der bestehenden Schule in Frage stellt, bringt heftige Konflikte mit der Schulbürokratie mit sich.

1932

berichten Schüler Freinets in einem freien Text über ein kirchliches Fest, bei dem auch der Pfarrer betrunken war. Daraufhin bricht ein offener Schulkampf aus, der sich bald zu einer brisanten schulpolitischen Auseinandersetzung auf nationaler Ebene entfaltet, die mit der Entlassung Freinets aus dem Schuldienst endet.

1935

eröffnen Célestin und Elise Freinet ein privates Landerziehungsheim in Vence, das bald zum Zentrum praktischer pädagogischer Forschung wird. Im Zentrum der Schule steht die praktische, sinnvolle, schöpferische und das Kind entfaltende Arbeit. Mit dem Sieg der französischen Volksfront erfährt die Freinet-Bewegung einen weiteren Aufschwung, bevor ihr durch die faschistischen Regierungen und den 2. Weltkrieg ein Ende gesetzt wird.

1940

wird Freinet in ein Internierungslager gebracht. Während dieser Zeit verfaßt er grundlegende pädagogische Arbeiten. Nach seiner Entlassung organisiert er an führender Stelle die regionale Widerstandsbewegung (“Résistance”) mit. Gleich nach Kriegsende findet der erste Kongreß der Nachkriegszeit statt.

1946

erscheint sein Buch “L’Ecole Moderne Française”, in dem er seine pädagogischen Ideen zusammenfaßt, er kann seine Privatschule wieder eröffnen.

1948

begründet Freinet das “Institut Coopérative de l’Ecole Moderne” (ICEM), dessen Arbeitsschwerpunkt die Erprobung, Weiterentwicklung und der Vertrieb von Arbeitsmitteln ist, und das regionale Lehrertreffen koordiniert.

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1961

wird die “Féderation Internationale des Mouvements de l’Ecole Moderne” (FIMEM) ins Leben gerufen, die zur Koordinierung der Freinet-Bewegungen in verschiedenen Länden dienen soll: Aus der Kooperation weniger französischer Volksschullehrer ist eine internationale pädagogische Reformbewegung geworden.

1966

Am 8. Oktober stirbt Célestin Freinet in Vence.

Ulrich Hecker, Jahrgang 50, Schulleiter an der Regenbogenschule Meerfeld in Moers.