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Nicht für alle das Gleiche zur gleichen Zeit

Célestin Freinet

Das Wort Wassereimer wird im folgenden Text gebraucht als Anspielung auf ein Bild aus einer Passage des “Essai de psychologie sensible” (Bd.II, S. 131 ff): Worte sind Wassereimer, mit denen man Wasser aus dem Fluss des Lebens schöpft. Die traditionelle Schule hält die Kinder von diesem Fluss fern und zwingt sie, sich ausschließlich mit Wassereimern, ihren Aufschriften, Eigenarten, Beziehungen, Strukturen zu beschäftigen. Der Fluß, das Leben, wird über den Worten vergessen.

In den alten Schulen mußten alle Kinder sich zur selben Zeit mit denselben Aufgaben beschäftigen, im selben, angeblich von der Wissenschaft vorgegebenen Rhythmus arbeiten, dieselben fälschlicherweise standardisierten Materialien benutzen und mit demselben dürftigen Werkzeug arbeiten. Genausogut könnte eine zentralistische Regierung eines Tages verlangen, dass sämtliche Ortschaften Frankreichs gleichzeitig anfangen, Häuser aus Ziegelsteinen oder aus Stahlbeton zu bauen. Dabei muß noch berücksichtigt werden, dass dem einen Ort Holz zur Verfügung steht, während Sand und Kies erst von weit her angeschafft werden müßten, und daß in einer anderen Gegend vielleicht der majestätisch ewige Stein vorhanden ist.

Wir gehen von dem Prinzip der Vielseitigkeit und der Anpassung aus, das allem Leben eigen ist: wir richten in unserer modernen Schule – den Begriff “neue” Schule möchten wir vermeiden, weil er uns zu prätentiös und außerdem ungenau erscheint – Werkstätten für die Holz-, die Stein-, die Ziegel- und die Stahlbetonverarbeitung ein. Wir statten sie mit dem am besten geeigneten Werkzeug aus, damit jedes Material mit größtmöglicher Schnelligkeit und Sicherheit beim Bau verwendet werden kann. Wir sind da, um die Verwendung der Materialien und den Gebrauch der Werkzeuge zu erklären. Wir rufen nach Bedarf bestimmte Spezialisten zu Hilfe. Wir zeigen Modelle.

Dann arbeiten wir alle zusammen, jeder gemäß seinen Veranlagungen und Möglichkeiten. Und einer baut sein Haus aus Holz, der andere aus Stein; ein dritter rührt Zement an, während sein Nachbar es praktischer findet, mit Ziegelsteinen zu arbeiten. Das Kind vergleicht seine eigene mit den anderen Konstruktionen; es macht tastende Versuche, ehe es sich für eine Arbeitsweise entscheidet. Der Nachbar bittet es um Hilfe, oder das Kind bleibt einen Moment stehen und schaut ihm bei der Arbeit zu. So wird es sein Gebäude am schnellsten, am stabilsten und am sichersten aufbauen.

Und der, dem die Holzkonstruktion gelungen ist, ist genauso stolz und zufrieden und setzt genauso viel Vertrauen in sein Ergebnis und in seine Fähigkeit wie der, der eine kühne Konstruktion aus Stahlbeton wagt. Das Ganze mündet in die erwünschte Harmonie.

Das eine Kind fühlt sich besonders stark zu den Naturwissenschaften hingezogen. Versetzen wir es also in sein Element. Stellen wir es mitten ins Museum und lassen wir es seine Forschung selbst planen und organisieren. Ein anderes begeistert sich für Geographie: es betreut eine reichhaltige Kartei. Ein drittes zeigt Begabung im Rechnen: wir helfen ihm, seine Techniken zu vervollkommnen. Die einen wie die anderen werden auf diese Weise die richtigen Wege zu den Gipfeln entdecken. Sie werden Meister sein. Sie werden ihr Leben beherrschen. Sie werden in die zweite und dritte Etage gelangen, ihre Füße aber werden in der Komplexität der lebendigen Welt, der Natur und Arbeit fest verankert sein.

Wir stellen nicht die Aufgaben, wir übertragen sie nur in Klartext. Dabei bemühen wir uns nach Kräften, bei dem für das Verständnis notwendigen Prozess des Zergliederns, Ordnens und Wiederzusammensetzens die Einzelelemente nicht zu verfälschen. Sie sind dann immer noch das, was sie sein sollen: komplex, konkret, praktisch, subjektiv.

Diese echten Aufgaben hat die Schule bis heute eigensinnig ausgeklammert und ersetzt durch Karikaturen von Aufgaben, mit scheinbar leichten, dafür aber leblosen, aus dem Zusammenhang gerissenen, von Saft und Leben beraubten Lösungen.

Wir dagegen nehmen die Lösungen echter Aufgaben in Angriff – Und wenn wir nicht immer zu einem Ergebnis kommen, so ziehen wir diese vorläufige Unfähigkeit immer noch der geckenhaften Selbstzufriedenheit der vertrockneten Schulmeister inmitten ihrer Kollektion von Wassereimern vor.

aus: Célestin Freinet, Essai de psychologie sensible II, Neuchâtel 1971 nachgedruckt in: Jochen Hering und Walter Hövel (Hrsg.).
Immer noch der Zeit voraus. Kindheit, Schule und Gesellschaft aus dem Blickwinkel der Freinet-Pädagogik.
Pädagogik-Kooperative e.V. (jetzt Freinet-Kooperative e.V.), Bremen, 2. Auflage 1999, ISBN 3-9805100-0-X